Projekt am HIAS
Energiewende, extremer Extraktivismus und Staatsräson der Opferung in Ecuador
Carolina Viola-Reyes ist im Rahmen eines CALAS-HIAS-Fellowships in Hamburg. Während ihres Forschungsaufenthaltes am HIAS wird sie das Projekt „Energiewende, extremer Extraktivismus und Staatsräson der Opferung in Ecuador“ entwickeln, das einen analytischen Rahmen für die empirische Erforschung extraktivistischer Prozesse vorschlägt. Zu diesem Zweck entwickelt sie die Konzepte des ‚extremen Extraktivismus‘ und der ‚Staatsräson der Opferung‘ im Zusammenhang mit der aktuellen Geopolitik der Energiewende. Das Projekt untersucht, wie sich der globale Wettbewerb um kritische Mineralien zwischen den USA, China und der EU in konkrete Praktiken staatlicher Gouvernementalität niederschlägt, wodurch Menschen/Körpern und Territorien im gesamten Globalen Süden Opfer auferlegt werden. Durch den Vergleich zweier ecuadorianischer Rohstoffgewinnungsgebiete – eines von China finanzierten Wasserkraft-Megaprojekts im nördlichen Amazonasgebiet und einer von Kanada geführten Bergbaukonzession in den südlichen Anden – theoretisiert das Viola-Reyes‘ Projekt zudem kriminelle Regierungsführung als nekropolitische Dimension extraktivistischer Randgebiete und argumentiert, dass die Verflechtung von staatlicher Umgestaltung, überlagernden Rohstoffgewinnungs-praktiken und krimineller territorialer Kontrolle unaufhaltsam ökologische und soziale Auswirkungen nach sich zieht. Auf der Grundlage langjähriger Feldforschung und einer originären empirischen Infrastruktur positioniert das Projekt Ecuador als analytisches Labor für eine Konfiguration des extremen Rohstoffabbaus, die im Globalen Süden in unterschiedlichen Ausprägungen immer wieder zu beobachten ist.
Carolina Viola-Reyes‘ Tandempartnerin ist Miriam Prys-Hansen, Professorin für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen sowie Leiterin des Forschungsschwerpunktes „Globale Ordnungen und Außenpolitiken“ am German Institute for Global and Areas Studies (GIGA) (Institut für Lateinamerikastudien).
Webseite
Förderung

Das HIAS-Fellowship wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie der Freien und Hansestadt Hamburg im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern der Universität Hamburg finanziert.
Tandem
Prof. Dr. Miriam Prys-Hansen, Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen, Deutsches Institut für Globale und Regionalstudien (Institut für Lateinamerikastudien) (GIGA)
Biografie
Seit 2021 leitet Carolina Viola-Reyes das ‚Sozioökologische Observatorium für Chinesische Investitionen in Ecuador‘ (OSICHE) an der Pontificia Universidad Católica del Ecuador (PUCE) in Quito. Derzeit ist sie als Forschungsprofessorin an der Fakultät für Rechts-, Verwaltungs- und Sozialwissenschaften der UTE-Universität tätig, wo sie zudem mit dem Labor für multidisziplinäre Sozialforschung zusammenarbeitet. Seit 2015 lehrt sie politische Theorie, politische Soziologie und Forschungsmethoden an der PUCE sowie als Gastprofessorin an der FLACSO Ecuador. Ihre akademische Ausbildung umfasst einen Abschluss in Politikwissenschaft an der Università degli Studi di Padova (Italien), einen Master in Sozialwissenschaften (Energie-Governance) an der FLACSO Ecuador und eine Promotion in Politikwissenschaft, ebenfalls an der FLACSO Ecuador, die ihr für die Dissertation „Extremer Extraktivismus und opferbereite Staatsräson im nördlichen ecuadorianischen Amazonasgebiet“ verliehen wurde – basierend auf neun Jahren ethnografischer Feldforschung und multimethodischer Untersuchung der sozioökologischen Auswirkungen des von China finanzierten Wasserkraftprojekts ‚Coca Codo Sinclair‘. Diese Forschungsschwerpunkt wurde durch Buchkapitel zu den Themen Extraktivismus, chinesische Investitionen und Geopolitik erweitert und festigt damit ein Publikationswerk, das sich zwischen empirischer territorialer Analyse und breiteren Debatten über den Abbau der Demokratie in Lateinamerika bewegt.
Carolina Viola-Reyes’ Forschungsinteresse entwickelt sich entlang zweier eng miteinander verknüpfter Stränge, die in einer übergreifenden Fragestellung konvergieren: Wie gestaltet die Geopolitik der Rohstoffgewinnung sowohl Territorien als auch demokratische Institutionen im Globalen Süden neu? Der erste Schwerpunkt befasst sich mit politischer Ökologie, Rohstoffabbau und Energiewende – der politischen Ökonomie des chinesischen Engagements in Lateinamerika, den sozioökologischen Auswirkungen des Rohstoffabbaus sowie den Bedingungen, unter denen die aktuelle Energiewende Muster der Enteignung und Opferung in den äußersten Randgebieten des Globalen Südens reproduziert. Der zweite, strenger politikwissenschaftliche Blickwinkel befasst sich mit Prozessen der Entdemokratisierung – den Entwicklungsverläufen politischer Parteien, rechtsgerichteter politischer Eliten und der Aushöhlung demokratischer Institutionen in Lateinamerika. Diese beiden Achsen laufen in einer Forschungsagenda zusammen, die der Frage nachgeht, wie sich extraktivistische Regierungsführung und demokratische Erosion gegenseitig verstärken – eine Untersuchung, die durch ein multimethodisches Design gestützt wird, das politische Ethnografie, Umfrageforschung, Prozessverfolgung und qualitative vergleichende Analyse (QCA) in vergleichender Perspektive integriert und auf den langfristigen, offiziell registrierten territorialen Datenbanken von OSICHE sowie ihrer Zusammenarbeit mit dem Labor für multidisziplinäre Sozialforschung an der UTE-Universität basiert.
Ihr HIAS-Stipendium wird von der Freien und Hansestadt Hamburg sowie aus Bundes- und Landesmitteln finanziert, die die Universität Hamburg im Rahmen ihrer Exzellenzstrategie eingeworben hat.