Projekt am HIAS
Style: An Interdisciplinary Story
Der ebenso vielschichtige wie historisch wandelbare Begriff des Stils leitet sich vom lateinischen stilus ab, einem zweiseitigen Schreibgerät, das sowohl dem Einritzen als auch dem Tilgen diente. Zunächst bezeichnete Stil die spezifische Formung eines Werkes im Zusammenspiel von Material, Verfahren, Konvention und historischem Kontext; später wurde der Begriff auf die Naturwissenschaften, die Mathematik und weitere Wissensfelder übertragen. Das Projekt untersucht Stil als eine Schnittstelle zwischen historischen, kulturellen und wissenschaftlichen Ordnungen des Wissens und der Visualität. Indem es die disziplinären Genealogien und epistemischen Voraussetzungen rekonstruiert, die diesen Bereiche zugrunde liegen, entwickelt es die Grundlagen für eine vergleichende Analyse von Kunstwerken und der in ihnen valenten Erkenntnisformen.
Biografie
Johannes Endres ist seit 2020 Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der University of California, Riverside, wo er bereits seit 2015 lehrt. Sein gegenwärtiges Buchprojekt Style: A Unified Theory untersucht Stil als transdisziplinäres Konzept. Die Arbeiten daran wurden unter anderem durch ein Fellowship am Institute of Advanced Study der Durham University im Jahr 2023 sowie durch frühere Forschungsaufenthalte am Kunsthistorischen Institut in Florenz und am Getty Research Institute unterstützt. Zu seinen neueren Veröffentlichungen zählen Studien zum frühromantischen Kosmopolitismus und Zynismus, zu Sammlungs- und Museumskulturen, zu Hans Blumenbergs kunsthistorischem Denken, zu Leonardo da Vinci und Heinrich von Kleist. Hinzu kommen der gemeinsam verfasste Ausstellungskatalog Ich liebe Deine Liebe und der mitherausgegebene Band Collecting in the Twenty-First Century: From Museums to the Web, die beide 2022 erschienen sind. Sein Gesamtwerk umfasst darüber hinaus zwei Monographien sowie grundlegende Sammel- und Referenzwerke zu Friedrich Schlegel, zum Fetischismus, zur visuellen Kultur und zum Schleier als Medium und Metapher.
In Forschung und Lehre verbindet Endres europäische Literatur- und Kulturwissenschaften mit Kunstgeschichte, Ästhetik, Medientheorie und Wissensgeschichte. Im Zentrum seiner Arbeit stehen die Theorie und Geschichte des Bildes in einem umfassenden Sinn. Dazu gehören insbesondere die Beziehungen zwischen Bild und Text, visueller Repräsentation und Materialität sowie Fragen der Ikonologie, Ekphrasis, Porträtkunst und Sammlungsgeschichte. Ein weiterer Schwerpunkt gilt den epistemischen Funktionen von Kunstwerken, das heißt der Frage, auf welche Weise Bilder und künstlerische Objekte Wissen hervorbringen, strukturieren und vermitteln. Seine Forschungen erstrecken sich von der deutschen Romantik, Goethe und Heinrich von Kleist über Hans Blumenberg und Leonardo da Vinci bis zur Geschichte des Fetischismus; zugleich analysieren sie visuelle und materielle Konfigurationen wie den Schleier, das Gesicht, die Büste, die Zeitkapsel und das Museum.
Sein HIAS-Fellowship wird aus Mitteln des Bundes und des Landes Hamburg finanziert, die die Universität Hamburg im Rahmen ihrer Exzellenzstrategie eingeworben hat.
Bildinformation
Gerrit Dou, „Gelehrter, der seine Feder spitzt“, ca. 1632–1635, Öl auf ovaler Holztafel, 26,3 x 21,2 cm. New York: The Leiden Collection
