Eine interdisziplinäre Begegnung zwischen Silke Segler-Messner und Ralph Kaufmann, moderiert von Franziska Kutzick.
Das Kloster Port Royal des Champs avanciert im 17. Jahrhundert nicht nur zu einem Resonanzraum für den Jansenismus, sondern auch für die kritische Auseinandersetzung um einen christlichen Lebensstil, der sich durch Verzicht und Entsagung kennzeichnet und gegen die zentralistische Kultur- und Gesellschaftspolitik abgrenzt. Dieses Kolloquium leuchtet diesen „Andersort“ in zwei komplementären Vorträgen literarisch und philosophisch aus.
Sicht I: Die literarische Retraite In La Princesse de Clèves problematisiert Madame de Lafayette die Tragfähigkeit eines jansenistischen Lebensmodells in der höfischen Gesellschaft . Die Schriftstellerin entwirft ein sehr kritisches Bild des Lebens am Hofe, das vor allem durch Intrigen und Täuschung gekennzeichnet ist. Die Protagonistin erkennt die Flüchtigkeit männlichen Begehrens und reflektiert ihre eigene Rolle kritisch. Ihr klösterlicher Rückzug (Retraite) am Ende des Romans, der an das Leben der Solitaires in Port Royal erinnert, wird zum souveränen Akt weiblicher Selbstbehauptung gegen die höfische Illusion.
Sicht II: Architektur der leeren Resonanz Blaise Pascal dekonstruiert das höfische Divertissement und baut sie gemäß seiner trois ordres um. Diese De- und Rekonstruction einer erfüllten Leere ist mit Pascal physikalisch, mathematisch und philosophisch zu sehen. Gegen das Chaos des Zufalls setzt er die Stochastik, die Wette Le Pari und den „Automaten“. Diese Elemente stehen im direkten Bezug zu Port-Royal und seiner konkreten, symbolischen und katalysierenden Wirkung.
Port-Royal und die Architektur der leeren Resonanz
Das Kloster Port Royal des Champs avanciert im Frankreich des 17. Jahrhunderts zum intellektuellen Wirkungsort. Ausgehend von der jansenistischen Theologie des verborgenen Gottes und Pascals strenger Trennung der Trois ordres (Körper, Geist, Charité) untersucht dieser Beitrag Port Royal als Andersort und Architektur eines intellektuellen Widerstands gegen die absolutistische und jesuitische Kulturpolitik. Im Zentrum steht dabei die Möglichkeit eines existenzstrukturellen Strebens nach „Erlösung“, die sich in Abwesenheit göttlicher Intervention, die sich trotz der Erkenntnisse des Mémoire strukturell und metaphorisch auf Physik, Mathematik und Philosophie stützt.
Der Vortrag zeichnet hierfür eine interdisziplinäre Denkbewegung nach: Den Ausgangspunkt bildet Pascals empirischer Nachweis des Vakuums (Puy de Dôme), der die aristotelische Teleologie entzaubert und die Leere als natürlichen Zustand der Welt etabliert. Diese physikalische Leere spiegelt sich in der existenziellen Verfassung des Menschen, der sich am Hof durch das ständige Rauschen des Divertissement (Zerstreuung, Glücksspiel, Intrige) vor seinem eigenen Horror Vacui betäubt.
Die von Pascal entwickelte Wahrscheinlichkeitsrechnung entzaubert das entopische Chaos der Fortuna, um die höfischen Leidenschaften zu bändigen. Dies dient auch einer, in moderner Lesart, Unterscheidung der makroskopischen und der mikroskopischen Phänomene. Die Wette (Le Pari) bietet ein strukturelles Heilsstrategie, der pascal’sche Automate, der trotz der festgelegten makroskopischen Umstände die mikroskopischen Auswahl einzelner Entscheidungen beeinflussen kann. Die gewohnheitsmäßige, körperliche Handlung fungiert dabei metaphorisch wie ein Maxwellscher Dämon an einem Galtonbrett der Willensfreiheit. An den iterativen Verzweigungspunkten des Alltags minimiert der Automat die Entropie der eigenen Leidenschaften und bereitet die Seele auf den möglichen Einbruch der Gnade vor. Diese Haltung ist auch die Grundlage der pascal’schen Wette.
Die jansenistische Sichtweise verwirft nun auch einen harmonisierende, neoplatonische Versöhnung von irdischer (Amour-propre) und himmlischer Liebe (Charité). In Madame de Lafayettes Roman La Princesse de Clèves versucht die Protagonistin Ehe, Liebe und Begehren in Einklang zu bringen und droht beinah zu scheitern. Sie durchschaut schließlich die höfische Liebe als rein entropisches, dem sicheren Verfall geweihtes Spiel. Ihr finaler klösterlicher Rückzug (Retraite) ist folglich keine resignative Weltflucht, in eine Leere, sondern die konsequente Entscheidung für einen erfüllten Repos.
Veranstaltungsort
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1 / Emil-Artin-Hörsaal (ESA M)